KIDSTIME®-Workshop als Sekundärprävention der psychischen Gesundheit

06.05.2019

Die Anzahl an psychisch erkrankten Patienten steigt bundesweit kontinuierlich an. Viele Behandlungskonzepte greifen erst, wenn der Patient bereits ein psychisches Störungsbild ausweist. Mit den KIDSTIME®-Workshops bietet das Heinrich-Braun-Klinikum am Standort Zwickau ein präventives Konzept an, welches Kinder und Jugendliche davor schützen soll, selbst Auffälligkeiten und Symptome wie die des psychisch erkrankten Elternteils zu entwickeln.

Zum Abschluss des KIDSTIME®-Workshops werden nochmals die Aspekte der Eltern- ...
Das gemeinsame Pizzaessen ist fester Bestandteil des Zwickauer ...
In Deutschland leben rund drei Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Familien, in denen mindestens ein Elternteil psychisch erkrankt ist. Für diese Kinder ist nicht nur eine insgesamt schlechtere Lebensqualität nachgewiesen, sie tragen ein bis zu vierfach erhöhtes Risiko, selbst entsprechende Auffälligkeiten und Symptome zu entwickeln. Doch Ängste und Schamgefühle halten die erkrankten Eltern davon ab, Unterstützungsangebote für ihre Kinder in Anspruch zu nehmen. Die in den 1990er Jahren von Alan Cooklin am Anna-Freud-Centre in London entwickelten KIDSTIME®-Workshops bieten eine ambulante präventive Plattform zur Multifamilientherapie für Kinder und Jugendliche sowie deren psychisch erkrankten Eltern in geschützter Umgebung. Erstmalig in Deutschland wurde diese Therapieform 2015 am niedersächsischen Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg angeboten. Um von den dortigen Erfahrungen zu lernen und das Angebot auch in Zwickau zu etablieren, nahmen die Mitarbeiter der Familientagesklinik der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters des HBK mehrtägige Weiterbildungen unter Leitung der Rotenburger Kollegen wahr. Seit Oktober 2018 wird einmal im Monat ein KIDSTIME®-Workshop im Zwickauer Heinrich-Braun-Klinikum ausgerichtet.

„Unser ambulantes Workshop-Angebot kombiniert Methoden der Multifamilienarbeit, kreativen Kinder- sowie systemischen Therapie und Theaterpädagogik“, hält Dipl.-Med. Cornelia Stefan, Chefärztin Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters, fest. „Dabei verstehen sich die KIDSTIME®-Workshops ausdrücklich nicht als therapeutische Behandlung, sondern als ein entlastendes Angebot, bei dem die Aufklärung über die elterliche Erkrankung und Entlastung der Kinder im Mittelpunkt steht. Die Kinder spüren zwar, dass in ihrer Familie etwas anders ist, aber sie können es nicht einordnen und erst recht nicht ändern.“ Betroffene Kinder übernehmen häufig Verantwortung und Versorgungsaufgaben für ihre Eltern. Teilweise leiden die Familien und Kinder unter Stigmatisierung sowie sozialer Isolation. Auch bekommen die Kinder abfällige Bemerkungen, wie „die Psychos“ von Gleichaltrigen über ihre Eltern zu hören.  Aus diesen Gründen stellt das KIDSTIME®-Modell eine Mischung aus sozialem Event mit gemeinsamer Mahlzeit, Spiel und Spaß zusammen mit den Eltern dar – sowie die Gelegenheit, etwas Neues zu lernen und sich auszutauschen. „Mit unserem Angebot sind wir Vorreiter in Sachsen. Aber auch auf bundesweiter Ebene bieten nur wenige Kliniken in Deutschland diese spezielle Form der Sekundärprävention an“, hält die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie fest.

Der KIDSTIME®-Workshop am HBK im Detail

Bis zu acht Familien können an einem Workshop teilnehmen. Dieser dauert rund drei Stunden und wird jeden letzten Mittwoch des Monats ab 16.00 Uhr in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters des HBK ausgerichtet. Zu Beginn werden mit den Eltern, Kindern und dem Therapeutenteam zusammen die Aspekte der psychischen Erkrankung besprochen. Gemeinsame Praxisübungen helfen dabei, das Familienleben und das aktuelle Beziehungserleben zu illustrieren. Hieran schließt sich eine etwa einstündige, parallel laufende Einheit in getrennter Eltern- und Kindergruppe an. In der Kindergruppe stehen zunächst spielerische Aufwärmübungen im Mittelpunkt. Die Kinder werden ermutigt, über Alltagserlebnisse aus der Familie zu berichten und ihr Erleben in Form eines kleinen selbst entworfenen Theaterstücks darzustellen. Unterdessen führen die Eltern eine offene Gesprächsrunde. Dabei können sie sich über das individuelle Erleben des Alltags mit ihrer Krankheit und die daraus resultierenden Probleme austauschen. Sorgen können offen besprochen werden und mit dem Zutun der Therapeuten sowie den Erfahrungen der anderen Eltern werden Lösungen aufgezeigt. Während der Sitzung wird in beiden Gruppen auch die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern thematisiert. Die Eltern lernen, anders mit ihren Kindern zu kommunizieren, um ihnen keine Schuldgefühle zu bereiten. Sätze wie: „Wegen dir habe ich jetzt mehr Stress. Willst du, dass ich wieder krank werde?“, sollen der Vergangenheit angehören. Die Kinder bekommen Mittel und Wege aufgezeigt, wie sie reagieren können, wenn ihre Eltern so etwas sagen. Oft ist dies ein Hilferuf der Eltern. Die Kinder sollen lernen, so etwas  richtig einzuordnen. So wird im Workshop auch einen kleiner Notfallrucksack mit den Kindern gepackt. Darin sind wichtige Rufnummern von Bezugspersonen, die in solchen Situationen helfen. Auch Spielzeug oder ein Bild wird verstaut, da diese Dinge den Kindern Halt geben und sie vor Kurzschlussreaktionen bewahren können. Im Anschluss folgt eine gemeinsame Pause, in der sich die Familien mit Pizza, welche vom Zwickauer Lieferservice Freddy Fresh gesponsert wird, stärken können. Abschließend wird das von den Kindern erarbeitete Theaterstück gemeinsam auf Video angeschaut, reflektiert und diskutiert. Auch Themen aus der Elterngruppe können in diesem Rahmen aufgegriffen werden.


Die Entwicklung der Multifamilientherapie am HBK

Die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters arbeitet neben verhaltenstherapeutischen und tiefenpsychologischen Gesichtspunkten verstärkt mit systemisch-familienorientierten Behandlungskonzepten. Die Multifamilientherapie wurde mit Beginn des Pilotprojekts der „Familientagesklinik“ im November 2011 erstmals im tagesstationären Bereich der Klinik getestet. Michael Arnold, Lern- und Trainingspsychologe sowie systemischer Familien- und Multifamilientherapeut der Klinik, initiierte das Projekt, welches nun fester Bestandteil im Therapiespektrum ist. „Das Konzept sieht einen vierwöchigen tagesstationären Behandlungszeitraum vor. Dabei werden sechs Familien gemeinsamen behandelt – mit fantastischen Erfolgen“, berichtet Arnold. „Wir arbeiten in geschlossenen Gruppen, das heißt, alle Familien beginnen am selben Tag und beenden gemeinsam die Behandlung.“ Dieses spezielle Therapieangebot richtet sich vornämlich an Kindern zwischen 4 und 12 Jahren und deren Bezugspersonen, die mit Interaktionsstörungen kämpfen. Mittels Video-Interventionstechniken wird an den zwischenmenschlichen Beziehungen untereinander gearbeitet. Die Gruppenzusammensetzung richtet sich nach Alter und Störungsbild der Kinder.

Im Jahr 2014 wurde über die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA) die ambulante Multifamilientherapie für Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren und ihre Bezugspersonen etabliert. In einer halboffenen Gruppe, wobei das Gruppengefüge durch zu- und abgehende Mitglieder fluktuiert, treffen sich einmal wöchentlich bis zu sechs Familien in einer
90-minütigen Sitzung. Wie im tagesstationären Behandlungskonzept für Kinder wird ebenfalls mit Video-Interventionstechniken versucht, die Beziehung der Jugendlichen zu ihren Bezugspersonen zu verbessern.

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