"Ein Krankenhaus, das nicht baut, ist tot"

07.03.2019

Pflegedirektor Mirko Schmidt (Mitte) im Gespräch mit Pfleger Wolfram Müller ...

HBK-Pflegedirektor Mirko Schmidt über den aktuellen Stellenplan, die Privatisierungspläne und die Weiterbildung im eigenen Haus

ZWICKAU — Vor einem Jahr trat Diplom-Pflegewirt Mirko Schmidt (42) die Stelle des Pflegedirektors im Heinrich-Braun-Klinikum (HBK) an. Dem gebürtigen Vogtländer unterstehen rund 1000 Krankenpfleger, OP-Schwestern, Hilfskräfte sowie Lehrer und Auszubildende in Zwickau, Kirchberg und Glauchau. Uta Pasler erklärte er, warum die Personalentwicklung einer seiner Schwerpunkte ist.

Freie Presse: Herr Schmidt, haben Sie je selbst gepflegt?
Mirko Schmidt: Ja, ich war selbst als Krankenpfleger tätig, habe auf einer Intensivstation gearbeitet, später deren Leitung übernommen und erst dann ein Management-Studium angefangen. Die Praxis war sehr hilfreich. Wenn man die Materie nicht kennt, ist es schwer, Entscheidungen zu treffen, die an der Basis gelebt werden können. Denn im Mittelpunkt unseres Handelns steht immer der Patient.

Ihre Vorgängerin Eva Brockel war mit ihren 48 Dienstjahren im HBK eine Instanz. Hatten Sie einen schweren Start?
Ich schätze sie sehr, und meine Einarbeitung war auch nicht ganz ohne. Aber ich denke, ich habe mich recht schnell eingelebt. Ich arbeite gern hier, denn in diesem Haus, das gemeinsam mit Kirchberg und der Außenstelle Glauchau über 930 Betten verfügt, erkenne ich eine Vision und Potenziale für die Entwicklung in die Zukunft. Vor 20 Jahren empfand ich das HBK als große graue Maus, heute ist es eine potente Klinik mit einem großen Leistungsspektrum. Herausfordernd macht meine Arbeit, die aktuell kurzfristigen Vorgaben der Gesundheitspolitik einzuhalten, ohne Abstriche an der Leistungsfähigkeit des Hauses zu machen. Da gibt es oft keine schnellen Lösungen.

Sie sind für fast 1000 Krankenpfleger, OP-Schwestern sowie Hilfskräfte in Zwickau, Kirchberg und Glauchau zuständig. Ziemlich genau vor einem Jahr mehrten sich aus deren Mitte Beschwerden wegen Überlastung. Was haben Sie unternommen?
Man darf nicht vergessen, dass wir in der von Ihnen angesprochenen Zeit ein für uns überraschend hohes Patientenaufkommen aus dem näheren Vogtland sowie eine stark überdurchschnittliche Grippewelle erlebten. Über Wochen behandelten wir über 1100 Patienten täglich bei einem eigenen hohen Krankenstand. Dies führte zusätzlich zu übermäßiger Beanspruchung unserer Mitarbeiter. Im Lauf des Jahres wurden die Beschwerden der Mitarbeiter weniger, weil wir Personal eingestellt und Prozesse verändert haben. Wir haben neben zusätzlichen Stellen auch Stellen als Ersatz für Langzeiterkrankte geschaffen.

Wie viele Mitarbeiter sind konkret eingestellt worden? 
Nachdem die Fallzahlen im Vorjahr in der Rettungsstelle in die Höhe geschnellt sind, haben wir dort die Stellenzahl erhöht. Bis zur Fertigstellung der neuen, erweiterten Notaufnahme werden weitere neue Stellen besetzt. Bei den Pflegekräften auf den Stationen hatten wir im Vorjahr 47 Austritte wegen Renteneintritts, Wegzügen oder aus anderen persönlichen Gründen, 74 Mitarbeiter haben wir eingestellt. Und das geht weiter so, wenn wir die Fachkräfte finden: Allein in diesem Jahr gibt es 19 Einstellungen mehr als Kündigungen. Unsere Azubis, rund 45 pro Jahrgang, haben derzeit das Versprechen, unbefristet eingestellt zu werden, wenn sie den Abschluss schaffen.

Klingt gewaltig. Wie viele Stellen sind denn aktuell unbesetzt?
Im Vergleich zum Vorjahr wurde der Stellenplan 2019 um 50 Stellen erhöht. Zum Monatsabschluss Februar sind 44 Stellen unbesetzt. Wir wissen aus Erfahrung, dass von den Azubis nie wirklich alle bei uns anfangen. Manche gehen zum Studium, andere erst einmal ins Ausland. Und selbst wenn jemals alle offenen Stellen besetzt sind, müssen wir an die Zukunft denken: Unsere Mitarbeiter sind mehrheitlich Frauen, die aus familiären Gründen öfter pausieren oder kürzer treten wollen. Der Altersdurchschnitt liegt bei knapp 50 Jahren. Die Patientenzahlen bleiben seit Jahren zwar mit gut 40.000 im Jahr nahezu gleich. Doch es werden mehr ältere Patienten, die Erkrankungen schwerwiegender, die Verweildauer geringer. Das heißt, wir suchen ständig gute Leute. Die Personalentwicklung ist für mich einer der Schwerpunkte meiner Arbeit.

War es eigentlich Ihre Idee, die Medizinische Berufsfachschule zu privatisieren? Die Gewerkschaft Verdi läuft dagegen Sturm, fordert zudem 15 Prozent mehr Lohn, weil das Haus seinen Mitarbeitern rund 300 Euro weniger zahlen würde als der Flächentarifvertrag des Öffentlichen Dienstes vorsieht. Was halten Sie davon?
Die Unternehmensführung denkt ständig darüber nach, das Haus langfristig weiterzuentwickeln. Auch wir sind der Meinung, dass gute Arbeit gut bezahlt werden soll. Doch im Vergleich mit anderen Krankenhäusern der Umgebung zahlen wir mittlerweile schon mit das meiste. Ich verstehe in vielen Dingen die Beschäftigten, aber alles, was man ausgibt, muss erst erwirtschaftet werden. Investitionen in das Haus sind immens wichtig. Ein ehemaliger Chef von mir hat immer gesagt: Ein Krankenhaus, in dem nicht gebaut wird, ist ein totes Krankenhaus. Doch Fördermittel fließen nicht immer so wie erhofft. Ich weiß aber auch, dass es vielen Mitarbeitern an erster Stelle gar nicht nur ums Geld geht. Eine zusätzliche Arbeitskraft ist manchen viel lieber. Den meisten geht es in erster Linie um eine sinnstiftende Arbeit, und noch vor dem Geld steht das Team. Wir arbeiten unablässig daran, uns auf den verschiedenen Ebenen zu verbessern.

Wenn man aber liest, dass das HBK vom Erwirtschafteten jährlich rund 600.000 Euro an die Stadt Zwickau abführt, kann man den Ärger von manchem Mitarbeiter, der aus betriebswirtschaftlichen Gründen ausgegliedert werden soll, durchaus verstehen ...
Die Stadt und der Landkreis sind die Gesellschafter und haben das Sagen. Nimmt man aber die Privatisierungspläne für die Medizinische Berufsfachschule, sollte man nicht nur von Risiken, sondern auch von Chancen reden. Da ist von Dumpinglöhnen die Rede, von unsicheren Arbeitsplätzen. Dabei ist unsere Linie ganz klar: Wir wollen wachsen und uns entwickeln. Mit der Privatisierung könnten wir neue Partner auch als Gesellschafter ins Boot holen, um Synergien zu schaffen und die Aus- und Weiterbildung besser zu machen. Ab 2020 gibt es die klassischen Berufe Krankenschwester und Altenpfleger nicht mehr, nur noch Pflegefachmann/-frau. In sehr konkreten Gesprächen hinsichtlich einer stärkeren Zusammenarbeit befinden wir uns bereits mit der städtischen Senioren- und Seniorenpflegeheim gGmbH. Aber auch andere Interessenten fragen aktuell an.

Im September hieß es, Sie haben von den 250 Bewerbern an Ihrer Medizinischen Berufsfachschule nur 114 Azubis genommen. Warum bilden Sie nicht mehr aus?
Wir haben jetzt das Okay vom Freistaat, eine dritte Klasse eröffnen zu dürfen, hoffen freilich, dass es finanzielle Unterstützung durch den Freistaat für die neuen Räumlichkeiten gibt. Ich lege aber auch Wert darauf, Mitarbeiter, die sich entwickeln wollen, zu fördern. Wir planen, unser Bildungszentrum auszubauen. Es wird eine Fachweiterbildung „Anästhesie und Intensivpflege“ bei uns im Haus geben – eine zweijährige Zusatzausbildung, für die unsere Mitarbeiter bisher nach Dresden fahren mussten. Lassen Sie mich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern meine Wertschätzung und meinen Dank ausdrücken – Erfolg ist immer ein gemeinsamer Kraftakt aller Beteiligten. Ich setze alle Kraft daran, den Pflegeberuf wieder attraktiver zu machen. Denn ein Pflegeroboter wird einen Menschen nie ersetzen können.

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